CERN: AufgerĂŒsteter LHCb-Detektor entdeckt schweres Proton-Pendant
Das LHCb-Experiment am CERN hat das Îccâș nachgewiesen â ein protonenĂ€hnliches Teilchen mit zwei Charm-Quarks und vierfacher Protonenmasse.
KĂŒnstlerische Darstellung des Îccâș-Baryon, bestehend aus zwei Charm-Quarks und einem Down-Quark, welches am CERN nachgewiesen wurde.
(Bild: CERN)
Die Teilchenphysik hat einen neuen Baustein im Zoo der subatomaren Materie katalogisiert: Auf der Konferenz Rencontres de Moriond Electroweak hat die LHCb-Kollaboration am CERN die Entdeckung des Îccâș (gesprochen: Xi-cc-plus) bekannt gegeben.
Dabei handelt es sich um ein protonenĂ€hnliches Teilchen, das statt zweier leichter Up-Quarks zwei schwere Charm-Quarks enthĂ€lt â und damit rund viermal so viel wiegt wie ein gewöhnliches Proton. Es ist die erste Neuentdeckung mit dem 2023 aufgerĂŒsteten LHCb-Detektor, der Teil des weltgröĂten Teilchenbeschleunigers ist.
Der GroĂteil der Materie im Universum besteht letztlich aus Quarks, fundamentalen Bausteinen, die sich nicht weiter zerlegen lassen. Das Standardmodell der Teilchenphysik kennt sechs Quark-Sorten, organisiert in drei Generationen. Die erste Generation umfasst Down- (d) und Up-Quarks (u), aus denen Protonen (zwei Up, ein Down, also uud) und Neutronen (udd) aufgebaut sind. Damit dabei ein einfach positiv elektrisch geladenes Proton und ein neutrales Neutron entsteht, mĂŒssen die Quarks jeweils drittelzahlige Elementarladungen tragen: das Down-Quark -1/3 e (wobei e die Elementarladung des Elektrons ist) und das Up-Quark +2/3 e. Gleiches gilt fĂŒr die Quarks der weiteren Generationen. In der zweiten Generation finden sich Strange- (s) und Charm-Quarks (c), in der dritten Bottom- (b) und Top-Quarks (t). Von Generation zu Generation nimmt die Masse erheblich zu â ein Charm-Quark ist dabei der deutlich schwerere Verwandte des Up-Quarks.
Quarks treten nicht einzeln auf, sondern stets in gebundenen ZustĂ€nden, den sogenannten Hadronen. Dabei hĂ€lt die starke Kernkraft, vermittelt durch Gluonen, die Quarks zusammen. Protonen, Neutronen und das neu entdeckte Îccâș zĂ€hlen zu der Hadronen-Untergruppe der Baryonen, die aus jeweils drei Quarks bestehen; Mesonen bestehen hingegen aus einem Quark und einem Anti-Quark.
Zwei Charm-Quarks statt zwei Up-Quarks
Das neu entdeckte Îccâș lĂ€sst sich laut den Forschern als Proton mit einem dramatischen Quark-Tausch verstehen: In seiner Zusammensetzung ccd ersetzen zwei schwere Charm-Quarks die beiden leichten Up-Quarks des Protons (uud), wĂ€hrend das Down-Quark erhalten bleibt. Da Charm-Quarks erheblich mehr Masse mitbringen als ihre leichten Verwandten, erreicht das Îccâș eine gemessene Masse von 3619,97 ± 0,83 MeV/cÂČ â etwa das Vierfache eines normalen Protons.
(Bild:Â CERN)
Die Physiker wiesen das kurzlebige Teilchen ĂŒber seinen charakteristischen Zerfall nach: Îccâș â Îcâș Kâ» Ïâș, wobei das Îcâș seinerseits in ein Proton, ein Kâ» und ein Ïâș zerfĂ€llt. Durch Rekonstruktion der sogenannten invarianten Masse dieser Zerfallsprodukte aus Proton-Proton-Kollisionsdaten des Jahres 2024 (LHC Run 3, bei dem auch hochkomplexe Kernumwandlungen wie die Erzeugung von Goldkernen aus Blei beobachtet werden), beobachteten die Forscher einen deutlichen Peak bei rund 3620 MeV/cÂČ mit etwa 915 Ereignissen. Die statistische Signifikanz liegt bei 7 Sigma und damit weit ĂŒber der in der Teilchenphysik ĂŒblichen 5-Sigma-Schwelle, ab der man von einer gesicherten Entdeckung spricht.
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Lösung eines 20 Jahre alten RÀtsels
Das Îccâș ist der sogenannte Isospin-Partner des 2017 von LHCb entdeckten Îccâșâș mit der Zusammensetzung ccu. Da sich Up- und Down-Quarks in ihren Eigenschaften fast identisch verhalten, sagt die Theorie fĂŒr beide Teilchen nahezu gleiche Massen voraus. Die neue Messung bestĂ€tigt genau das â und rĂ€umt damit eine ĂŒber 20 Jahre wĂ€hrende Kontroverse aus dem Weg.
Das SELEX-Experiment hatte Anfang der 2000er-Jahre ein Signal gemeldet, das auf ein deutlich leichteres Îccâș hindeutete. Nachfolgende Suchen bei den Experimenten FOCUS, BaBar und Belle sowie in frĂŒheren LHCb-DatensĂ€tzen konnten dieses Ergebnis jedoch nie reproduzieren. Erst die verbesserte LeistungsfĂ€higkeit des aufgerĂŒsteten LHCb-Detektors ermöglichte es nun, das Teilchen bei einer Masse nachzuweisen, die mit den theoretischen Erwartungen und dem Îccâșâș-Partner ĂŒbereinstimmt.
Bedeutung fĂŒr das Standardmodell
Die Entdeckung ist nicht nur ein Meilenstein fĂŒr das LHCb-Experiment als dessen erster Teilchenfund nach dem Detektor-Upgrade, sondern auch ein wichtiger PrĂŒfstein fĂŒr die Quantenchromodynamik (QCD) â jene Theorie, die beschreibt, wie Quarks und Gluonen ĂŒber die starke Wechselwirkung interagieren. Die prĂ€zise Ăbereinstimmung der gemessenen Masse mit den Vorhersagen validiert das theoretische VerstĂ€ndnis von Hadronen mit mehreren schweren Quarks.
Ferner demonstriert der Nachweis, dass der modernisierte Detektor empfindlich genug ist, um auch noch seltenere exotische TeilchenzustĂ€nde wie Pentaquarks oder Tetraquarks aufzuspĂŒren. FĂŒr die Suche nach noch selteneren PhĂ€nomenen plant das CERN bereits den Bau eines deutlich gröĂeren Nachfolge-Beschleunigers.
Die Kollaboration prĂ€sentierte detaillierte Ergebnisse in ihrem Moriond-Vortrag; eine vollstĂ€ndige wissenschaftliche Publikation soll in KĂŒrze folgen. Weitere Informationen liefert ein CERN-Medienbericht.
(vza)