Mit Begeisterung: Die Motorradbestseller des Rekordjahrs 2020
2020 brach der Motorradumsatz weltweit um 18 Prozent ein, vor allem wegen Covid-19. In Deutschland hingegen kam es im Seuchenjahr zu wahren Verkaufsrekorden.
2020 wird fraglos als das Coronajahr in die Geschichte eingehen. Das hatte auch Auswirkungen auf die Motorradhersteller, weltweit brach der Umsatz um 18 Prozent ein. Doch fĂĽr die Motorradindustrie in Deutschland war es alles andere als ein Seuchenjahr: Die Neuzulassungen schwangen sich sogar zu ungeahnten Rekorden auf. Das spricht fĂĽr die Motorradbegeisterung der Deutschen.
Weiterlesen nach der Anzeige
Euro-5-Nachwirkungen
Insgesamt wurden 2020 laut Kraftfahrtbundesamt 221.994 Motorräder, Leichtkrafträder, Kraftroller und Leichtkraftroller neu zugelassen. Am Jahresende vermeldete der Industrie-Verband Motorrad Deutschland (IVM) ein sattes Plus von 31,9 Prozent gegenüber 2019. Motorräder über 125 cm3 legten um 16,9 Prozent auf 132.126 Stück zu, 19.087 mehr als im Vorjahr.
So viele Bikes wurden seit 2002 nicht mehr in einem einzigen Jahr neu zugelassen. Ein weiterer Rekord wurde im Dezember mit rund 13.500 Neuzulassungen aufgestellt – sagenhafte 365 Prozent mehr als im Dezember des Vorjahres. Hier spielte die für 2021 verbindlich vorgeschriebene Euro-5-Norm für neu zugelassenen Motorräder eine Rolle, so dass die Händler gezwungen waren, ihre noch im Laden befindlichen Euro-4-Bikes auf sich zuzulassen bzw. mit deutlichen Nachlässen zu verkaufen.
Sturm auf die Läden
Solche Umsatzzahlen hätte beim ersten Lockdown im März – ausgerechnet zur Hauptverkaufszeit – wohl niemand erwartet. Die Motorradhändler befürchteten schon reihenweise Insolvenzen, doch als sie Ende April die Türen wieder öffnen durften, stürmten die Kunden ihre Läden. Manche hatten ihren schon geplanten Kauf einfach um ein paar Wochen nach hinten verschoben, andere gaben das Geld, das eigentlich für den ausgefallenen Sommerurlaub gedacht war, mehr oder weniger spontan für ein Motorrad aus. Wenn schon nicht mit der Familie ans Mittelmeer fliegen, dann wenigstens ein paar erbauliche Runden auf zwei Rädern im nächsten Mittelgebirge drehen.
Ganz besonders profitierte die Motorradindustrie ausgerechnet von den Autofahrern, die mit dem B196-Führerschein Leichtkrafträder bis 125 cm3 pilotieren dürfen, ohne eine Prüfung dafür abgelegt zu haben. Es sind lediglich vier Theorie- und fünf Praxisstunden bei einer Fahrschule nötig, sofern der Aspirant mindestens 25 Jahre alt ist und seit wenigstens fünf Jahren den Autoführerschein besitzt. Die Kategorie Leichtkrafträder, normalerweise von 16- und 17-Jährigen pilotiert, vermeldete einen Anstieg um 82,7 Prozent auf 37.781 Neuzulassungen, die Zahl der Leichtkraftroller stieg sogar um sagenhafte 108,5 Prozent auf 31.263 – da erfüllten sich viele Erwachsene einen lang gehegten Wunschtraum.
Die Siegerin bei den Neuzulassungen 2020 ist keine Überraschung: BMW R 1250 GS (Test). Seit die R 1200 GS im Jahr 2004 präsentiert wurde, war sie ununterbrochen der Bestseller in Deutschland und ihre Nachfolgerin R 1250 GS setzte die Tradition nahtlos fort. Letztes Jahr kam die große Boxer-Enduro auf 9228 Neuzulassungen. Dabei war die 136 PS starke R 1250 GS kein Sonderangebot, sie kostet mindestens 16.450 Euro und wohl jeder Käufer orderte noch reichlich Extras. Allerdings sank die Verkaufszahl der GS im Vergleich zum Vorjahr leicht um 187 Stück.
In Deutschland bleibt BMW auch 2020 ganz klar Marktführer bei den Motorrädern, inzwischen das 14. Jahr in Folge. 26.712 neu zugelassene BMW über 125 cm3 registrierten die Straßenverkehrsämter, ein Plus von 7,4 Prozent. Damit steigerten die Münchner ihren Jahresabsatz um 1844 Stück im Vergleich zum Vorjahr, allerdings mussten sie bei den Marktanteilen einen leichten Rückgang von 1,8 Prozent auf 20,2 Prozent hinnehmen. Das dürfte BMW wohl nicht sonderlich beunruhigen, denn ihr Bestseller BMW R 1250 GS (Test) führte auch 2020 immer noch mit Riesenabstand die Verkaufscharts in Deutschland an, allerdings waren es mit 9228 Stück 187 weniger als im Jahr davor.
Die BMW R 1250 GS wurde im Herbst leicht ĂĽberarbeitet. Die 2020er-Verkaufszahlen waren stabil.
(Bild:Â BMW)
Auch etliche der anderen bayerischen Modelle schnitten gut ab, obwohl es 2020 sonst keine BMW unter die Top Ten der Neuzulassungen schaffte – 2016 waren noch vier BMW-Modelle unter den ersten zehn. Die nächsten BMW tauchten mit der S 1000 XR (1704 Stück) und der F 900 R (1654 Stück) auf den Rängen 13 und 15 auf. Die zweitbegehrteste Boxer-BMW war mit der R 1250 RS jedoch eine Überraschung, sie erreichte Platz 15 mit 1515 Neuzulassungen. 2019 reichte es für den sportlichen Boxer nicht einmal für einen Platz unter den ersten 50 und schon wurde über seine Einstellung spekuliert.
Selbst wenn man die R 1250 GS herausrechnen würde, wäre BMW immer noch Marktführer in Deutschland. Allerdings ist BMW für einen hohen Anteil an Tageszulassungen bekannt, die in die Statistik miteinfließen, selbst wenn sie noch im Laden stehen. Das dürfte wohl der Grund sein, warum im Dezember noch 1005 BMW neu zugelassen wurden.
2. Platz: KTM
KTM hat es 2020 geschafft, sich in Deutschland an Honda und Yamaha vorbei auf Rang zwei vorzuschieben, obwohl in Mattighofen pandemiebedingt die Bänder etliche Wochen lang stillstanden. Die Österreicher machten vieles richtig, boten in der Mittel- und Einsteigerklasse attraktive Modelle an und erreichten einen Marktanteil von 12,5 Prozent. Insgesamt konnte KTM 16.464 neue Motorräder über 125 cm3 in Deutschland verkaufen und steigerte sich damit um satte 26,3 Prozent. In den Top Ten tummelten sich gleich drei Modelle der orangen Marke: Mit 2492 Stück landete auf einem sensationellen fünften Platz die reinrassige Supermoto 690 SMC R – was beweist, dass die sportlichen Einzylinder noch längst nicht ausgestorben sind.
Stark in Mittel- und Einsteigerklasse erreichte KTM einen Marktanteil von 12,5 Prozent
(Bild:Â KTM)
Direkt dahinter platzierte sich das aggressiv gestylte Naked Bike 790 Duke mit 2417 Einheiten und auf Rang 8 folgte mit der 390 Duke das begehrteste Bike in der Einsteigerklasse bis 48 PS, das es auf 2276 Stück brachte. Die Mittelklasse-Reiseenduro 790 Adventure kam mit 1428 Neuzulassungen immerhin auf Platz 16. Auch die teuren Modelle im KTM-Programm schlugen sich noch achtbar: Auf Rang 20 lag das kräftige Naked Bike 1290 Super Duke R mit 1353 Stück. Drei Plätze dahinter folgte die 160-PS-Reiseenduro 1290 Super Adventure mit 1311 Einheiten. Doch den Marken-Rekord erzielte das Leichtkraftrad 125 Duke (Test): Mit 5367 Stück war sie nicht nur die meistverkaufte KTM in Deutschland, sondern führte die Charts bei den 125er souverän an – sie verkaufte sich mehr als doppelt so oft wie die zweitplatzierte Yamaha MT-125.
3. Platz: Honda
Auf Rang drei in Deutschland lag der weltgrößte Motorradhersteller Honda mit 15.379 neu zugelassenen Motorrädern und hielt fast exakt seinen Marktanteil vom Vorjahr in Höhe von 11,6 Prozent. Im Verkauf legte die Marke um 16,4 Prozent zu und konnte damit den Verlust der Silbermedaille wohl ganz gut verschmerzen. Unter die Top Ten der Neuzulassungen schob sich auf Rang zehn der kleine Cruiser CMX 500 Rebel mit 2039 Stück. Direkt dahinter belegte die CRF 1100 L Africa Twin den elften Platz mit 1868 Einheiten.
Unter die Top Ten der Neuzulassungen schaffte es Hondas Cruiser CMX 500 Rebel. Die neu vorgestellte CMX 1100 Rebel soll daran anknĂĽpfen.
Auch Kawasaki legte mit 16,9 Prozent deutlich zu und landete mit insgesamt 14.838 StĂĽck auf Rang vier. Die Marke schaffte einen Marktanteil von 11,3 Prozent. Das Vierzylinder-Naked-Bike Z 900 (Test) im Streetfighter-Look stand in der Gunst der deutschen Motorradfahrer ganz weit oben auf Platz 2 mit 3853 Neuzulassungen. Kawasaki schlug damit 712 StĂĽck mehr los als im Vorjahr. Auch das Zweizylinder-Naked-Bike Z 650 konnte sich mit 3068 StĂĽck erneut steigern, blieb aber wie im Vorjahr auf dem vierten Platz.
FĂĽr die Saison 2020 hat Kawasaki seinen Bestseller Z 900 grĂĽndlich ĂĽberarbeitet.
(Bild:Â iga)
Das gleiche Bike mit Vollverkleidung, die Ninja 650, schaffte es mit 1270 Stück auf Rang 25, der Cruiser Vulcan S – ebenfalls mit dem 650er-Zweizylinder bestückt – kam mit 1119 Neuzulassungen auf den 29. Rang und das Retro-Bike Z 900 RS (Test) lag mit 1112 Stück ganz knapp dahinter auf dem 30. Platz. Interessanterweise schaffte es keine der 200 PS starken Sporttourer und Sportler von Kawasaki unter die ersten 50. Vielleicht ist es ein Zeichen, dass auf dem deutschen Markt gigantische PS-Zahlen als Verkaufsargument nicht mehr ziehen.
5. Platz: Yamaha
Yamaha kam auf den fĂĽnften Platz in Deutschland mit 12.748 Neuzulassungen, was einer Steigerung von 9,3 Prozent zum Vorjahr bedeutet. Das Mittelklasse-Naked Bike MT-07 blieb weiterhin Bestseller im Programm mit 3135 StĂĽck und belegte Rang drei der Verkaufscharts. Allerdings waren das 464 StĂĽck weniger als im Vorjahr, vermutlich weil klar war, dass die MT-07 fĂĽr 2021 im Zuge der Abgasnorm Euro 5 grĂĽndlich ĂĽberarbeitet werden wĂĽrde.
Auch wenn die Verkaufszahlen von Harley-Davidson in den USA seit Jahren wegen der verfehlten Modellpolitik rapide fallen, konnte die Marke aus Milwaukee in Deutschland 2020 ein Plus von 2,46 Prozent verbuchen und belegte den sechsten Rang. Mit insgesamt 11.040 Neuzulassungen verbesserte sich Harley-Davidson um 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Am besten verkaufte sich aufgrund ihres relativ gĂĽnstigen Preises die Forty-Eight mit 1220 StĂĽck, landete aber dennoch nur auf Rang 29.
Schönes, interessantes Motorrad zum Preis von drei schönen, interessanten Motorrädern: Harleys Livewire
(Bild:Â Clemens Gleich)
Vier Plätze dahinter konnte sich die Street Bob mit 1089 Neuzulassungen einordnen. Ansonsten fand sich unter den Top 50 nur noch eine einzige Harley-Davidson in Gestalt der Sport Glide auf Platz 49 mit 737 Neuzulassungen. Das Elektro-Motorrad LiveWire (Test) verkaufte sich wegen ihres exorbitanten Preises fast gar nicht. Die meist hohen Preise der amerikanischen Cruiser und das eindimensionale Modellprogramm verhinderten einen besseren Absatz. 2021 will die US-Marke endlich mehr Vielfalt wagen mit ihrer ersten Reiseenduro Pan America.